CASCINACASTLET

Uvalino

Nur im Gedächtnis der Älteren nimmt dieser Wein ein Plätzchen ein, wenn auch getrübt von den zahlreichen Geschehnissen, die den Weinbau im Piemont gekennzeichnet haben. Die Erinnerungen werden schärfer, sie verflechten sich, je nachdem, welchen Wert man diesem Wein beimessen möchte. Einerseits wird seine Kraft gepriesen, seine Fähigkeit, die anderen Weine der Gegend aufzubessern, andererseits ist er im Gedächtnis verblieben als Rebsorte, aus der quetta gemacht wird, ein leichtes, populäres Getränk, das im Sommer bei der Arbeit getrunken wurde. Andere hingegen erinnern sich an den Uvalino passito, der sorgfältig aufbewahrt wurde, um den Arzt, den Bürgermeister, den Apotheker und den Pfarrer zu beschenken. Kurzum eine luxuriöse Sache, um guten Eindruck zu machen.
Geschriebenes über diesen Wein liegt kaum vor, absolut glaubwürdige Zeugenaussagen bestätigen jedoch, dass es diesen Wein in Astesana zumindest in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts bereits gab. Seit jener Zeit, wenn auch in belanglosen Mengen, ist dieser Wein engmaschig und endemisch in der gesamten Südastesana verbreitet, dessen Zentrum in einer Gegend ist, deren Scheitelpunkte die Gemeinden von Costigliole d’Asti und Canelli sind. Man darf sagen, dass es bis vor 50 Jahren in dieser Gegend keinen landwirtschaftlichen Betrieb gab, selbst wenn noch so klein, der nicht einige Rebstockzeilen der Uvalino-Traube reserviert hatte.
Die Merkmale der Traubensorte schliessen aus, dass es sich um eine von „auswärts“ importierte und erst in letzter Zeit, bzw. jedenfalls im neunzehnten Jahrhundert, akklimatisierte Rebsorte handelt.
Dieser Wein wurde vor allem zum „Aufbessern“ anderer Weine verwendet. Nur von wichtigen und wohlhabenden Familien wurde er rein oder „passito“ verwendet, wodurch er an Wichtigkeit gewann. Einige Flaschen Uvalino zu besitzen war ein Zeichen von Wohlstand, heute würde man sagen ein status symbol. Lediglich die Tatsache, dass er Kranken zur raschen Genesung verhalf, wurde er diesen löffelweise eingeflösst, hat dazu beigetragen, dass er kein Wein grosser Feste war, das Symbol von Unmässigkeit.
Als Mariuccia Borio in Cascina Castlèt im Jahre 1990 beschlossen hat, mit historischen Recherchen und rebsortenkundlichen Forschungen zu beginnen, wusste sie noch nicht, was sie entdecken und welches Ergebnis sie erreichen würde. Sie hatte einfach den Wunsch, diesen Wein zu produzieren, den sie aus ihrer Kindheit als hervorragend in Erinnerung hat.
Die Forschungsarbeiten haben mehr als 10 Jahre in Anspruch genommen, aber das Ergebnis hat Begeisterung hervorgerufen.
Aus technischer Sicht konnte eine absolute Widerstandskraft gegen botrytis, ein aussergewöhnlich hoher Gehalt an Resveratrol beobachtet werden.
Die Analysen der Polyphenole sowie der Varietätsaromen, die an die Glykose der Beeren gebunden sind, haben gezeigt, dass die Uvalino-Traube Merkmale besitzt, die sie hinlänglich von anderen farbigen Sorten, die im Piemont angebaut werden, unterscheidet. Auch das Profil des Varietätsaromas weist charakteristische Merkmale auf. Man darf annehmen, dass die Widerstandskraft gegen botrytis cinerea dem hohen Gehalt an Resveratrol zu verdanken ist. Diese Widerstandskraft macht praktisch eine chemische Behandlung nicht erforderlich. Wichtig ist des weiteren die Tatsache, dass Resveratrol, gewöhnlich nur in unreifen Beeren vorhanden, in der Uvalino-Traube hingegen bis zur vollen Reife in grossen Mengen vorhanden bleibt. Das Resveratrol geht auch in den Wein über, wie es die Daten von Weinen aussagen, die aus einer einzigen Traubensorte produziert werden.
Aber auch vom historischen Gesichtspunkt her sind bezüglich Alter und Definition wichtige Informationen ans Tageslicht gekommen, sagt Gianluigi Bera, der für die Untersuchungen zuständig ist. Interessant ist zum Beispiel die Abstammung des Namens. Der Name Uvalino bedeutet keinesfalls kleine Traube, wie viele irrtümlich glauben, sondern ist einfach die verbessernde Verkleinerungsform von uvario, wie sie in der Umgangssprache im neunzehnten Jahrhundert für Weine aus weniger verbreiteten Trauben verwendet wurde, mit einer nicht unbedingt geringschätzigen, jedoch etwas herabsetzenden Bedeutung. Aber von der heterogenen Familie der uvari wollten die Winzer eine Traubensorte hervorheben, deren antiker Name in der Zwischenzeit zwar vergessen worden ist, die jedoch weiterhin mit Wertschätzung und Achtung betrachtet wurde, so dass sie praktisch als uvario fine bewertet worden ist, also uvarino, wie mangiarino, was feine Speise bedeutet. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass in der Astesana-Mundart das R beinahe wie ein L ausgesprochen wird und sich das Wort uvarino somit frühzeitig in uvalino geändert hat. Da der antike Name im Laufe der Zeit vergessen worden ist, wurde er, der eigentlich ein Adjektiv war, sogleich in ein Substantiv umgewandelt und als solches in die heutige Zeit überliefert.
Der aufwendige und schwierige Weg der Untersuchungen ist am 16. Juni 2002 zum Abschluss gekommen mit der Veröffentlichung in der Gazzetta Ufficiale der Aufnahme der Uvalino-Traube als eigenständige, anerkannte und zugelassene Rebstocksorte. Die Geschichte ist jedoch noch nicht zu Ende. Jetzt beginnt das schöpferische Abenteuer von Mariuccia Borio von Cascina Castlèt, und für alle anderen, die sie imitieren werden. Alles ist viel einfacher geworden, nachdem Daniela Borsa am 21. Juni 2003 vor der internationalen Wissenschaftler-Gemeinschaft anlässlich des 7. Symposyum International d’Œnologie de Bordeaux die Forschungsarbeiten der Professoren Di Stefano und Corino mit dem Titel „uvalino“ una antica varietà piemontese ricca di resveratrolo“ (uvalino, eine antike Rebsorte aus dem Piemont reich an Resveratrol) vorgestellt hat.

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